Jugend Musiziert: Die ideale Jury

Die ideale Jury für Jugend Musiziert

Eine Zusammenfassung meiner Gedanken der letzten Jahre, hier spezifisch auf Gesang bezogen, aber auf alle anderen Fächer übertragbar.

Meine Erfahrungen mit Jurys bei Jugend Musiziert

Im Großen und Ganzen sind die Jurys bei Jugend Musiziert gut. PUNKT. Fair, wohlwollend, qualifiziert. Und alle Jahre wieder kommt es vor, dass sich Lehrerinnen und Lehrer beschweren, dass deren Schützlinge nicht gerecht bewertet worden sind. Ein rigoroses Abblocken der Musikschulen kann ich gut nachvollziehen, weil sicherlich viel unqualifizierte Kritik dabei ist.
Leider gibt es aber Fälle, in denen die Jurys maßlos über die Stränge schlagen, und DSDS qualifizierter und fairer ist. Das Beispiel aus eigener Erfahrung ist eine Schülerin, die in der ersten Runde 21 Punkte bekam und kurz darauf die Einladung in die Endrungen für ein Operngesangsstudium (also künstlerisches Hauptfach und nicht Laienwettbewerb zur Breitenförderung) an die Musikhochschulen Osnabrück und Detmold erhielt. Es scheiterte letztendlich an der Musiktheorie, das sei der Transparenz halber gesagt, aber nicht am Gesang.

Zu meinem Hintergrund

Ich selbst bin seit etwa 2010 Gesangslehrer, habe Schüler an Unis und Hochschulen gebracht, mit künstlerischem Hauptfach Gesang oder als Hauptfach Gesang in der Schulmusik, und habe einer Schülerin zu ihrer 1,0 im Abschluss Gesangspädagogik an der HfMT Köln geholfen oder auch eine andere Schülerin zur 1,3 Hauptfach Gesang Schulmusik. Aktuell sind zwei Schülerinnen von mir im Bundesfinale Jugend Musiziert, Kategorie Musical. Selber war ich vielfach bei Jugend Musiziert Juror als auch bei einem privaten Wettbewerb. Aus eigenem Antrieb und Interesse habe ich bei Jugend Musiziert über Jahre Wettbewerbe von der lokalen Ebene bis hin zum Bundesfinale gesehen und so etwa 200 bis 300 Teilnehmer gesehen. Ich wage es zu behaupten, dass ich einen sehr, sehr guten Überblick über das Geschehen und das Leistungsspektrum der Teilnehmer im Bereich Gesang habe. An Erfahrung und Einblick mangelt es also bei mir nicht, so dass ich behaupte, die nächsten Absätze qualifiziert schreiben zu können.

Unfaire Bewertungen bei Jugend Musiziert

Die wichtige Frage ist nun, warum solche Bewertungen entstehen, mit entsprechenden Konsequenzen, dass Schüler ihr geplantes Studium hinschmeißen, nie mehr singen oder nie mehr die Querflöte oder welches Instrument auch immer in die Hand nehmen.
Ich habe mir ausführlich Gedanken gemacht:

Die Analyse

In einigen Städten wie z.B. Düsseldorf bekommt man als Juror eine sehr eindeutige Einführung in die Juryarbeit. Insbesondere wird hervorgehoben, dass Jugend Musiziert ein Laienwettbewerb der Breitenförderung ist, und insbesondere in den jungen Kategorien viele Preise vergeben werden sollen. Weiterhin werden noch einmal die Wertungskriterien verbalisiert. Diese sind:

  • Künstlerische Gestaltung
  • Stimmqualität
  • Spieltechnik (Kriterien sind allgemein gehalten, also letztendlich Stimmtechnik)
  • Texttreue
  • Stilistische Qualität
  • Gemeinsames Musizieren

Dazu erhält die Jury in Düsseldorf noch eine kleine Broschüre, wo eine große Fülle an sinnvollen Jury-Tipps drin stehen.
Wirklich ein großes Lob an die Musikschule der Stadt Düsseldorf für diese Vorbildfunktion!
In anderen Städten kommt man an und wird direkt in den Wettbewerb geschmissen und ich bezweifel, dass die Juroren aus eigenem Antrieb sich vorbereiten und diese Wertungskriterien lesen.

Aus eigener Erfahrung konnten meine Frau und ich erleben, dass dann Juroren neue Wertungskriterien erfinden. Unter anderem:

  • Geschmack
  • Kleidung
  • Körperhaltung
  • Altersangemessenheit des Inhalts

Natürlich sind das Kriterien, auf die der Gesangslehrer achten sollten, und einige kann man sicherlich positiv im Unterricht und auch im Feedbackgespräch ansprechen. Aber sie sind keine Wertungskriterien.  

Insbesondere Kleidung und Körperhaltung und auch Statur sind ein absolutes No-Go seitens der Juryrichtlinien. Nach Geschmack zu urteilen ist dann sogar so absurt, dass der Bundesmusikrat sich dieses No-Go für die Broschüre schon verkniffen hat, oder ich habe es noch nicht gelesen.

Ich frage mich, ob bei Bewertungen teilweise Neid mitspielt, junge Stimmen, die hervorragend singen, womöglich besser als die Juroren. Vielleicht herrscht ggf. auch Konkurrenz der Juroren untereinander nach dem Motto “ich höre aber viel mehr schlechte Dinge als du”.

Voraussetzungen für eine Jurytätigkeit

Die folgenden Punkte sind meine Utopie eines Idealzustandes, nicht die Realität!

Arbeit als Juror bei Jugend Musiziert ist eine delikate und verantwortungsvolle Sache. Das ist leider einigen Juroren nicht bewusst. Voraussetzungen für die Juritätigkeit sind mir nicht bekannt, sollten aber nach vielen Jahren Erfahrung bei Jugend Musiziert meiner qualifizierten Meinung (entstanden aus Erfahrung) nach folgende sein:

  • mehrjährige Erfahrung als Gesangslehrer / Instrumentallehrer, welcher mehrfach Schüler auf Jugend Musiziert vorbereitet hat
  • konstante Tätigkeit als Gesangs- / Instrumentallehrer
  • Vergleiche! Ich muss als Juror in vielen anderen Städten über Jahre viele Teilnehmer gehört haben, damit ich das Leistungsniveau vergleichen kann.
  • Wohlwollen
  • Neid-Freiheit

Das positive Gegenbeispiel

Jugend Musiziert ist im Regelfall eine riesen Chance und Bereicherung. Im Jahr 2019 Jahr saß ich mit einem Kollegen und einer Kollegin der HfMT Köln in Köln in der Jury, 2020 Jahr bewerteten die beiden noch mit einem Kollegen aus Essen von der Hochschule in Köln die lokale Runde. Insgesamt waren hier die Wertungen sehr wohlwollende, sehr schätzende Jurygespräche und Einhaltung der Wertungskriterien, so dass sogar eine Schülerin meiner Frau in den Landeswettbewerb geleitet wurde, wo wir es selbst nicht unbedingt getan hätten. Aber: Im Zweifel für die Schülerin!
Meiner Einschätzung nach gehören zum Glück schon einmal die Mehrzahl der Juries zu dieser Kategorie.

Mein Wunsch

Ich wünsche mir sehr, dass in Zukunft die Jurys sehr bedacht ausgewählt werden, eine Einweisung bekommen und so erfahren sind, dass sie korrekt bewerten können.

Der Blick der Kollegen auf die Situation

Ein sehr interessantes Video zu dem Thema hat die Gesangslehrerin Susanna Proskura auf Youtube gestellt, welches diese Gedanken gut ergänzt und weitere Tipps hat!

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