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Im Gesang die Höhen trainieren (Männerstimmen)

Die Höhen bei Frauen und bei Männern zu trainieren, unterscheidet sich in einigen Aspekten, hat aber in vielen Bereichen Gemeinsamkeiten.

Genau wie bei der Frauenstimme muss erst einmal geklärt werden, was der Schüler überhaupt mit „die Höhen trainieren“ meint:

Sind die hohen Töne…

  • außerhalb der Erreichbarkeit?
  • zu dünn und sollen tragkräftiger werden?
  • sich im Hals weniger belastend anfühlen?
  • oder noch schlimmer: wenigstens nicht mehr schmerzen?
  • einfach nur an Ästhetik gewinnen?
  • zu keiner Heiserkeit nach dem Gesang führen?

Beurteilung der hohen Töne

Probleme bei „hohen Tönen“ sind meiner Erfahrung nach ausschließlich ein Registerproblem.

Symptomatische Beschreibung der Höhenprobleme bei Männerstimmen


  1. Je höher der Ton, desto lauter muss gesungen werden. Mit sehr viel Energie kann so bis zum f‘ (amerikanich F4) gesungen werden.
  2. Der Klangeindruck der Stimme wird nach oben immer enger, immer schmaler, bis sie irgendwo unterhalb c“ verschwindet.
  3. Der Beltbereich geht bis etwa f‘, vielleicht g‘.
  4. Von etwa c‘ aufwärts kann der Sänger nur noch in Kopfstimme (davon spricht er, er meint aber Falsett) singen.
  5. die Stimme klingt in höherer Lage wie die von Chris Colfer (Kurt Hummel in Glee) – ein exzellenter Sänger, aber dünn in oberer und unterer Lage – sein Markenzeichen
  6. Die Intonation wird ab der Mittellage (c‘) deutlich schlechter.
  7. Das Vibrato wird mit steigender Tonöhe immer „meckernder“

Ursachen und Lösungen der Höhenprobleme bei Männerstimmen

Obige Analyse ist ein Versuch, einen Ansatz in das funktionale Hören zu bringen. Der Erfolg wird hierbei jedoch nur eingeschräkt einsetzen. Ich habe oft Lehrer erlebt, die einem bei einem Kurs zum Thema funktionale Stimmbildung waren und vielleicht ein Buch von Reid darüber gelesen haben und dann sich als funktionale Gesangslehrer verkaufen.

Um aber wirklich funktional zu unterrichten, muss ich funktional hören. Funktional hören ist nämlich nicht stur die „Systemische Schleife“ durchzulaufen: Stimmklanganalyse, Hypothese, Ziel, Intervention.

Warum das so ist, werde ich in einem folgenden Blogbeitrag erläutern.

Unterm Strich möchte ich letztendlich warnen: Stimmentwicklung nach Rezept funktioniert maximal eingeschränkt!

Ursachen und dazugehörige Lösungen zu den Höhenproblemen der Männerstimme

Oben habe ich sieben Symptome aufgelistet, welche jedoch zu drei Ursachen zusammengefasst werden können.

Das Brustregister ist überaktiv

Höhe nur durch Lautstärke | Stimme wird enger | Belt nur bis g‘ | ab c‘ nur noch Falsett | Intonation wird schlechter | Vibrato fängt an zu meckern

Das Brustregister braucht Stärkung

Chris Colfer (Kurt Hummel) Stimme

Reflux

Alle oben außer Chris Colfer

Überaktives Brustregister

Ein zu aktives Brustregister ist der Standardfall, sowohl bei Männerns, als auch bei Frauen. Wir Männer haben jedoch einen Vorteil: Die Überdehnung des Brustregisters bei Männern erfordert viel Kraft und Männer merken schneller als Frauen, dass das Brustregister am Ende ist. Dieses hat mit der Registerverteilung der Stimmen zu tun: Männer haben etwa ⅔ Brustregister und ⅓Kopfregister. Der Kopfregisterbereich ist damit schon im oberen Drittel des gesamten Stimmumfanges. Bei Frauen ist das Verhältnis jedoch ⅓ Brustregister zu ⅔ Kopfregister. Das Perfide ist: Der „Splitpunkt“, also das Passagio, der Übergang zwischen Brust- und Kopfregister liegt bei Männern als auch Frauen um d‘. Frauen Können damit das Brustregister ohne viel Kraft überdehenn, weil der Bereich immer noch in der Mittellage der Stimme liegt. Mit leichten Vokalen, Bewegung der Stimme und leisen Tönen muss hier als erstes das Brustregister beruhigt werden. Nachdem es beruhigt ist, kann das Falsett gestärkt werden. Dieser Prozess kann je nach Registerinbalance einige Wochen bis einige Jahre dauern. Die Hyperfunktion des Brustregisters spiegelt sich auch sehr häufig im gesamten körperlichen Tonus wieder, so dass ich zusätzlich mit der Feldenkrais-Arbeit Erfolge erziele.

Das Brustregister muss gestärkt werden

Für den angehenden Pädagogen sage ich: Dieser Fall ist bei Männerstimmen sehr, sehr selten. Das Falsett ist der dominante Stimmanteil, die Stimme ist sehr leicht und flexibel. Eine tolle Voraussetzung! Das Brustregister wird durch laute, tiefe Töne mit den Vokalen a und ä gut getriggert. Für den fortgeschrittenen Pädagogen: Selbstverständlich kommt es regelmäßig bei Männerstimmen vor, dass es in bestimmten Tonbereichen (gerne c bis g) das Brustregister zu schwach ist.

Reflux

Reflux, auch GERD genannt, kann massive Einflüsse auf Stimmen haben. Die starken extrinsischen Spannungen und pathologischen organischen Veränderungen machen Gesangsunterricht und Stimmtherapie nachranging, weil hier erst einmal die Ursache behoben werden muss.

Brustregister – Was bedeutet das?

Das Brustregister lässt sich von zwei Seiten beschreiben: Von der physiologischen Seite und von der klanglichen Seite. Für die Praxis ist die klangliche Seite von höhere Bedeutung, daher fange ich damit auch an. Anschließend erläutere ich die physiologischen Grundlagen und Grenze das Brustregister zu anderen Registern ab.

Klang des Brustregisters

In meiner Berufspraxis habe ich festgestellt, dass die Klangempfindungen, wie die Bruststimme klingt nach Ausbildungsstand des Schülers bzw. des Lehrers stark voneinander abweichen. Voraussetzung, das Brustregister klanglich korrekt zu hören, ist das funktionale Hören. Hören nach Geschmack führt hier nicht weiter. Ein Brustregister in Idealform klingt Diese idealtypsiche Form findet sich bei Anfängerstimmen jedoch selten. Es liegt etwas vor, was Cornelius Reid eine „mixed registration“ (in den deutschen Übersetzungen mit „gemischte Registrierung“ übersetzt) genannt hat. Ein ungünstiger Begriff mit ungünstiger Übersetzung, weil hiermit gerne „voix mixte“ oder „mix voice“ oder „Mischstimme“ assoziiert wird. Reid meint hiermit eine unbalancierte, wilde, chaotische, unpyhsiologische Mischung. Moshée Feldenkrais hätte von Parasitärspannungen gesprochen.

Physiologie des Brustregisters

Hauptbeteiligte des Brustregisters sind die Stimmlippen selbst, die Stimmlippen sind in der isolierten Form stark aktiviert, damit verkürzt und verdickt. Animation der Stimmlippen in Brustregister-Funktion Damit dieses System in Balance bleibt, ist es nötig, dass die Stimmlippen stärker schließen, indem die schließenden Muskeln (M. transversus und M. lateralis) aktiv werden. Hingegen wenig aktiv bis passiv sind die Gegenspieler, nämlich der Ring-Schildknorpel-Muskel der die Stimmlippen verlängert (M. Cricotyhroideus oder kurz CT) und der Stimmritzenöffner (M. Posticus [Merksatz: Wenn ich die Post in den Briefkasten schmeißen möchte, so muss ich diesen zuerst öffnen!])

Abrenzung des Brustregisters zu anderen Registern

Kopfregister = Falsett + Brustregister
Belt = Kopfregister + besondere Kehlkopfeinstellung
Belt ≠ Brustregister
Es gibt Klangformen, die mit dem Brustregister verwechselt werden könnten oder fälschlicherweise damit in Verbindung gebracht werden, von daher wiederhole ich es noch einaml gerne: Brustregister ist nicht Belten. Belten beinhaltet lediglich einen hohen muskulären Anteil, der auch beim Brustregister vorhanden ist. Anders ausgedrückt: Eine Kuh ist keine Flasche Kakao, auch wenn die Kuh einen hohen Milchanteil aufweist. Ebenso wird häufig gerne behauptet, dass Twang ein Mittel ist, um das Brustregister mehr mit in die Höhe zu führen. Auch das ist falsch. Eine Stimme mit höherem Twanganteil wird metallischer klingen. Es ist auch möglich Twang überbrustet zu singen, also technisch falsch. Aber Twang ist Twang – eine absichtliche Verengung der epiglottischen Falte (Plica aryepiglottica). Bei unabsichlicher Verengung sind wir schnell im Bereich der Stimmstörungen, insbesondere der funktionellen Dysphonien.